"Mr. Huntingten, haben Sie das Gesicht des Täters sehen können?", fragte ein, in die Jahre gekommener Offizer Dean.
Dieser schüttelte nur den Kopf, unverwant auf die Leiche von Merlene sehend.
"Sir, brauchen Sie einen Arzt?", fragte der Mann besorgt.
Dean riss sich von dem Anblick der toten Frau los. "Nein. Ich brauche niemanden. Kann ich jetzt gehen?"
"Aber natürlich, Sir. Wenn wir weitere Fragen an Sie haben, rufen wir Sie an."
"Danke. Sagen Sie...wissen Sie schon wie sie hieß?", fragte Dean und beobachtete wie die Gerichtsmediziner, Merlene in einen Leichensack legten.
"Nein. Sie hatte keinen Ausweis dabei. Gute Nacht Mr. Huntingten.", meinte der Ältere, bevor er seinen Kollegen folgte.
Dean blieb noch kurz stehen, machte sich aber wieder in das Motelzimmer, um Andy bescheid zu geben. Sie hatte sein Verschwinden sicher schon bemerkt, ging es dem älteren Winchester durch den Kopf.
Als er die offene Motelzimmertür sah, blieb er verwundert stehen. "Ich hatte sie doch zu gemacht.", murmelte er und rannte mit gezückter Waffe in das Zimmer. Doch er fand die Betten leer vor. "Andy?", rief er und steuerte das Bad an, aber auch da traf er seine Freundin nicht an.
"Verdammter Mist! ANDY?"
Wieder keine Antwort und frustriert schlug Dean mit der Faust auf die Wand ein. Immer wieder schlug er zu, bis seine Knöchel aufplatzten und er mitten in der Bewegung stoppte. Seine Hand blieb auf der jetzt roten Fläche liegend und er lehnte seine Stirn an die Wand. Er schloss die Augen, in der Hoffnung sich etwas beruhigen zu können.
Doch egal welche Erklärungen in seinem Kopf abspielten, er fand keine Lösung.
Andy war verschwunden, Sam stand unter Schock, ER hatte Merlene erschossen und der Dämon war entkommen. Was konnte er nur tun?
Benommen sah er zur Seite und bemerkte dumpf, dass sein Hemd fehlte, dass Andy auf dem Boden achtlos fallen lassen hatte, doch ihre Jeans lag noch halb auf dem Bett. Sein Blick blieb an der Gardine hängen, die verschoben war und wanderte weiter zu der offenstehenden Tür.
Sein benebeltes Gehirn ratterte die Informationen ab und panisch ging Dean auf die Tür zu. "Sie muss raus gelockt worden sein.", murmelte er. Die Motelzimmertür war nicht verschlossen gewesen, dachte er.
"Son of a Bitch!", fluchte Dean und rannte die Straßen entlang zum Krankenhaus, um zu seinem Bruder zu kommen, da dieser den Impala hatte und Dean dringend seine Hilfe brauchte.
Völlig außer Atem stoppte er in der Eingangshalle und musste sich erst einmal auf seine Oberschenkel abstützen um Luft zu holen, bevor er zu dem Mann hinter dem Empfang ging.
"Hallo. Mein Bruder hat eine junge Frau hierher gebracht, die schwer verletzt worden ist. Sie heißt Jamy und er Sam. Könnten sie mir vielleicht sagen, wo die sich im Moment befinden?", fragte Dean heißer.
Der Mann hinter der Theke, sah ihn erst verwundert an, zeigte dann aber Richtung Warteraum.
"Dort hinten. Sie sind vor etwa zwei Stunden eingetroffen.", sagte er freundlich. Dean bedankte sich und eilte zum Warteraum, wo er seinen Bruder auf den Stühlen sitzen sah.
Es zerriss ihm fast das Herz Sam so zu sehen. Dieser hatte sein Gesicht hinter seinen Händen versteckt und war völlig in sich zusammengesackt.
Langsam schritt Dean auf seinen Bruder zu und setzte sich neben ihm. Er wusste nicht was er machen sollte. Einerseits war Andy grad sehr wichtig, aber so wie Sam da saß, musste Dean sich jetzt für den Brünetten endscheiden und Andrea musste warten.
Liebevoll strich er über Sams Kopf, der sich zu seinen Bruder umdrehte. Sein sonst so sanfter Blick, war voller Schmerz.
Dean zog Sam an sich und hielt ihn fest. Sein Kinn hatte er auf Sams Kopf abgelegt und er strich ihm beruhigend über den Rücken. Auch er Selbst brauchte diese Nähe.
"Wie geht es ihr, Sammy?"
"Ich weiß es nicht. Sie sagen mir nichts. Sie hatte soviel Blut verloren.", flüsterte der Brünette.
Erst jetzt viel Dean das viele Blut an Sam auf. Seine Hände waren rot und seine Jacke dunkel gefärbt von dem Lebenselixier.
"Sam? Komm. Du musst dich waschen.", beschloss Dean. Just in diesem Moment kam ein Arzt aus der Notaufnahme und stellte sich vor die Winchesters.
"Sam? Dr. Jarles Henson. Ich habe ihre Freundin Jamy operiert.", stellte der Arzt sich vor.
Sam sprang auf. Dean blieb etwas hinter ihm, beruhigend die Hand auf Sams Schulter.
"Wie geht es ihr?!"
"Sie hat überlebt und wir konnten die Blutungen stoppen. Sie ist auf den Weg der Besserung. Ein paar Minuten später vielleicht und sie wäre gestorben. Sie liegt jetzt auf der Intensivstation. Wenn sie zu ihr wollen...?"
Das ließ sich Sam nicht zweimal sagen und eilte schon zu der besagten Station.
Dean stand noch kurz unschlüssig da, bis ihm einfiel, dass sie gar nicht wussten im welchen Zimmer die junge Frau lag.
Seine Frage schien ihm im Gesicht zu stehen, denn der Arzt lächelte nun amüsiert. "Zimmer 148."
"Danke. Wirklich. Danke.", stotterte Dean nur. Der Arzt nickte und ging seines Weges, während der ältere Winchester Sam hinterher lief.
"Sam!"
Der Angesprochene blieb abrupt stehen, sodass er fast ausgerutscht wäre. "Was?"
"Zimmer 148, Sammy!", rief Dean und holte seinen Bruder auf.
"Oh. Daran hab ich gar nicht gedacht.", meinte Sam verlegen und sah sich um.
"Tja, DASS dacht ich mir.", gab Dean zurück und zeigte auf eine Tür etwas weiter links neben ihnen. "Das muss es sein."
"Ja." Schnell eilten die Brüder zu dem Zimmer. Fast bedächtig öffnete der Braunhaarige die Tür und linste hinein.
Strahlendes Weiß durchzog den ganzen Raum. Die Geräte, an denen Jamy angeschlossen war, summten und piepten regelmäßig. Die Schwarzhaarige selbst, war fast weißer als das Laken auf dem sie lag.
Langsam trat Sam näher an das Bett und strich sanft über den Kopf von Jamy. "Es tut mir leid.", flüsterte er tränenerstickt und setzte sich auf einen Stuhl, der neben dem Bett stand.
Dean blieb im Hintergrund und lehnte mit verschränkten Armen, an die Wand. Mit getrübten Blick beobachtete er seinen Bruder, der nun die Hand von Jamy hielt und ihr Entschuldigungen zuflüsterte.
Er fragte sich, warum es immer wieder Sam negativ traf, wenn es um die Liebe ging. Warum sein Bruder kein Glück genießen durfte. War Gott, wenn es ihn gab, nicht dafür zuständig, dass es den Menschen gut ging, die für ihn kämpften?
Er schüttelte den Kopf, um diese Gedanken los zu werden. Über Gott, machte er sich schon genug Gedanken.
Er dachte an Andy. Wer sie wohl raus gelockt hatte? War sie freiwillig gegangen? Hatte er ihr mit seiner Aktion Sam zu retten, vor den Kopf gestoßen?
Aber warum, hatte sie dann sein Hemd mitgenommen, aber ihre Jeans liegen lassen?
Für den Blonden gab es nur eine logische Erklärung. Der Dämon hat sie. Er wollte sich an Andy schon vorher vergreifen und jetzt an ihm rächen, da er es aufgehalten hatte, als es Jamy und Sam töten wollte.
Dean biss sich schuldbewusst auf die Unterlippe. Er war an dem Tod von Merlene schuldig. Noch eine Kerbe mehr, auf seinen eh schon überfüllten Kerbholz.
Sie hätten sie retten können. Merlene hätte leben können! Weiterleben können und er, Dean, hatte einfach Richter gespielt und die junge Frau erschossen ohne nachzudenken.
Heiße Tränen brannten in seinen Augen und liefen seine Wangen hinab. Er war Schuld und keiner konnte ihm das ausreden.
"Dean?"
Er reagierte nicht. War in seinen dunklen Gedankenströmen gefangen.
Würde Andy das selbe Schicksal ereilen? Würde sie seinetwegen sterben?
"Dean?"
Warum hatten sie das verdient? Konnten sie nicht endlich ihre Ruhe bekommen, die sie verdient hatten?
"Dean? Verdammt!"
Erst jetzt bemerkte er Sam, der direkt vor ihm stand und ihn wütend, fragend und besorgt ansah. "Sammy.", flüsterte der Blonde und seine ganze Haltung sackte in sich zusammen.
Gerade noch, konnte Sam Dean stützen, sonst wäre dieser einfach auf den Boden aufgeschlagen.
Zitternd lehnte Dean mit dem Rücken zur Wand und weinte bittere Tränen.
Sam hockte sich vor seinen völlig aufgelösten Bruder und hielt ihn an den Schultern fest. "Dean! Du machst mir Angst."
"Tut mir leid, ich...ich kann es nicht aufhalten.", krächzte der Blonde und senkte den Blick. So hatte Sam seinen Bruder noch nie erlebt.
"Was nicht aufhalten?"
"Das alles immer schief geht. Alle sterben um mich herum und dass nur wegen mir!"
"Das stimmt nicht, Dean! Hör auf dir immer die Schuld für alles zu geben!", fuhr Sam ihn an, doch Dean schüttelte nur verzweifelt den Kopf.
"Erst Dad, jetzt Merlene und wahrscheinlich auch noch Andy.", flüsterte Dean, wieder weit weg.
"Hey Mann, dass stimmt nicht."
"Doch. Dad hat den Deal für mich gemacht..."
"Das wissen wir doch gar nicht!", redete Sam dazwischen, doch Dean schien ihn nicht zu hören.
"Ich habe Merlene einfach erschossen, ohne nachzudenken, ohne eine andere Lösung zu finden!"
"Du hattest keine Wahl!"
"Andy ist weg. Ich weiß nicht wo sie ist, Sam. Sie war nicht mehr da, als ich ins Motel zurückkam." Der Blonde zog die Beine ran und schlang seine Arme um seinen Oberkörper.
"Was vermutest Du?", fragte Sam behutsam und setzte sich neben Dean.
"Mein Hemd hat gefehlt." Dean lächelte kurz, als er sich daran erinnerte warum sie es auf dem Boden gelegen ist. Doch genauso schnell wurde er wieder ernst. "Die Tür war offen. Sie hat durch die Gardinen gesehen. Doch sie wollte nicht raus, ihre Jeans war noch da. Sie musste weggeschleppt worden sein, aber..."
"Aber was?", harkte Sam nach.
"Es waren keine Spuren dazu da. Keine Kampfspuren und die Salzlinie war auch nicht gebrochen. Also warum war sie nicht mehr da?", murmelte Dean, mehr zu sich selbst, als zu seinem Bruder, der grübelnd zu Jamy hinüber sah.
"Hatte der Dämon Merlene nicht freiwillig verlassen?", fragte Sam.
"Ja. Meinst Du er ist nun in Andy?"
"Kann sein.", antwortete Sam und stand auf. Helfend hielt er dem Älteren seine Hand hin, die dieser erst nur verwirrt ansah, dann aber zupackte und sich von Sam hochziehen ließ.
Seine Beine zitterten noch ein wenig, doch er schien sich immer mehr zu beruhigen.
"Gehts wieder?", fragte Sam behutsam, wissend, dass Dean nicht gerne Schwächen zugab oder zeigte.
Dieser nickte nur und lächelte verlegen. Sich räuspernd stellte sich nun an das Bett von Jamy. "Ist das deine geheimnisvolle Kaffee-Bedienung?"
"Jaahh. Ist sie. Sie ist wirklich nett."
"Magst Du sie?"
"Ja."
"Gut.. Es tut mir wirklich leid, Sam."
Sam klopfte Dean auf den Rücken. "Mach dir keinen Kopf. Los lass uns Andy suchen."
"Ich fürchte, sie wird eher uns finden, Sammy.", warf Dean bedrückt ein. "Was machen wir dann? Was, wenn wir sie nicht befreien können?"
"Wir werden sie befreien. Andy ist stark und wir haben die Wahl, Dean. Also reiß dich zusammen!", fuhr Sam ihn an und der Angesprochene zuckte zusammen, bei Sams harten Tonfall.
"Bitch!"
"Jerk!", gab Sam grinsend zurück. Diese Gardienenpredigt hatte sein Großer mal gebraucht. Auch dieser grinste.
Langsam aber sicher fand Dean sich aus seiner Gedankenwelt heraus. Sein Beschützer- und Jagdinstinkt war stärker, als seine Selbstvorwürfe und Sorgen.
"Komm. Sie wird sicherlich hier oder bei uns im Motel auftauchen."
"Sollen wir uns aufteilen?"
"Nein. Wir sollten Jamy schützen so gut es geht und dann ins Motel zurückkehren, bevor diese Schlampe in Andy auf dumme Ideen kommt."
"Hast Du das Salz?"
"Ja! Ist die Falle fertig?", fragte Dean zurück und ein einfaches "Jap!", reichte und Dean setzte sich gegenüber der Tür hin, die Waffe schussbereit auf seinem Schoß.
Sam kam aus dem Schlafzimmer und gesellte sich zu seinen Bruder, stellte sich aber am Fenster auf Position. Er linste durch die Vorhänge.
"Meinst Du sie kommt bald oder sie lässt uns zappeln?"
"Ich weiß es nicht. Von Andy kann der Dämon keine Informationen bekommen, wie wir uns verteidigen. Dafür ist sie zu kurz bei uns gewesen.", überlegte Dean.
"Ja. Vielleicht. Ein Glück haben wir Jamy gut schützen können."
"Der Dämon hat es ja auch mehr auf mich abgesehen, als auf Jamy. Mach dir da mal keinen Kopf.", beruhigte ihn der Blonde. Dann verfiehlen sie in Schweigen.
Nach einer Weile, sah Sam wieder in das angespannte Gesicht von seinem Bruder.
Dean?"
"Mhm."
"Gehts dir gut?"
"Nein, Sam. Mir geht es beschissen, aber es ist unser Job, dieses Ding zu vernichten und die Unschuldigen retten. Und Andy ist unschuldig."
"Okay."
"Okay."
Wieder wurde es still.
Stunde um Stunde warteten sie. Dean war eingeschlafen. Sein Kinn ruhte auf seiner Brust und die unverletzte Hand locker an der Waffe.
Der Brünette fragte sich, wann er sich die andere Hand verletzt hatte. Er war sich sicher, vor Jamys und seiner Rettung, war sie noch in Ordnung gewesen.
Sam hatte jetzt mindestens seinen gefühlten zwanzigsten Kaffee intus und starrte wachsam zwischen Fenster und Dean hin und her. Dean hatte mindestens genauso viele Tassen Kaffee wie er gehabt, doch anscheinend war dieser schon imun gegen Koffeein.
Sam lächelte leicht. Er erinnerte sich an einen Abend vor etwa zehn Jahren, als sie in fast der selben Situation gewesen waren. Nur das ihr Vater bei ihnen und sie in einer Hütte mitten in einen Wald gewesen waren.