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Erinnerungen

 

Kapitel 13

Seit zwei Stunden hörte sie seinem Herzschlag zu und genauso lange beobachtete sie den Blonden beim Schlafen.
Er sah so friedlich aus. Das hatte sie schon des öfteren festgestellt. Aber nur im Schlaf. Es war erstaunlich, wie schnell Dean in seinem Wesen wechseln konnte.
Erst war er der Macho erster Klasse, dann ein Romantiker, sorgenvoller Bruder und dann ernsthafter, spezieller Ermittler.
Er hatte so viele Gesichter und Eigenschaften, dass die Brünette Probleme hatte, genau rauszufiltern, wie dieser Mann neben ihr tickte.
Sie betrachtete jeden seiner Gesichtszüge. Entdeckte von Minute zu Minute jede noch so kleine Narbe und fragte sich, woher all diese stammten.
Einige waren schon lange über die Jahre verblasst, andere frischer und zwei größere, aber feinere Narben, fast frisch. Diese hatte er sich wohl erst vor kurzem zugezogen, überlegte sie. Eine an der Stirn und die andere über seiner rechten Brust, die sich fast Krallenartig von seiner Haut abzeichnete.
Sanft strich sie darüber und erschreckte, als er ihre Hand ergriff und sie festhielt. "Mhm..was gukst Du denn so?", murmelte er verschlafen und sah sie neugierig an.
Allein für diesen Blick, hätte sie ihm am liebsten wieder vernascht.
"Nichts. Ich konnte nicht einschlafen."
Er brummte nur und war im Begriff wieder einzuschlafen.
"Dean?"
"Mhm."
"Woher kommen die vielen Narben?", fragte sie und setzte sich auf. Erwartungsvoll sah sie ihn an und er seufzte ergeben auf.
"Viele habe ich mir bei Sam und meinem Training zugezogen, als wir Kinder waren. Unser Dad hat uns trainiert, damit wir uns gegen das Übernatürliche wehren konnten.", fing er an.
"Wann hast Du das erste Mal trainieren müssen?", fragte sie neugierig. Sie konnte seine Mauern regelrecht spüren und suchte nach Lücken, damit er sich öffnete.
"Hm...mit sechs, glaube ich."
"Mit sechs!? Was treibt einen Vater dazu, ein Kind in dem Alter zu drillen?", meinte sie aufgebracht.
"Seine tote Frau, das Gefühl der Rache und den Drang seine Kinder beschützen zu müssen und sie vorzubereiten.", antwortete er prompt und sah sie nach Verständnis bittend an.
"Und warum...?", sie stockte, abwiegend ob sie ihn fragen sollte.
"Er uns nicht weggegeben hat? Wir waren das Einzige was nach dem Feuer von unserer Mom über waren. Ihr Vermächtnis. In einer Nacht hatte er, Sammy und ich alles verloren, was unser Leben ausmachte. Was ein normales Leben ausmachte.", korrigierte er sich selbst.
"Oh. Und die frischen Narben?", fragte sie, weil sie spürte, dass seine Mauern wieder wuchsen. Sie strich ihn über die Stirn und über die Brust, zeigend welche sie meinte.
"Ein Autounfall und ein Angriff...eines Dämons." Er wusste nicht warum, aber er fühlte sich nicht bereit, über die kürzlichen Ereignisse zu reden. Die Trauer und der Zorn auf seinen Vater, saß einfach noch zu tief.
Sie spürte unter ihrer Hand sein heftig schlagendes Herz. Sie wusste, dass er nicht mehr preisgeben würde und akzeptierte dies. Sie kuschelte sich wieder in seine Armbeuge und zog die Deck über sich und ihn.
Er drückte sie fester an sich und schloss seine Augen.
Er mochte sie immer mehr. Ihre Anziehung auf ihn, war unglaublich. Er vertraute ihr, doch die damaligen Ereignisse mit Cassy, ließen ihn vorsichtig sein, egal was zwischen ihm und Andy war.

Auch Sam und Jamy saßen Arm in Arm am Ufer. Die Schwarzhaarige genoss seine Nähe und sie drehte sich zu ihm um, da sie sich mit dem Rücken an ihn gelehnt hatte.
"Wir sollten langsam gehen. Ich muss morgen wieder Früh raus.", sagte sie und Sam nickte lächelnd. Er stand auf und hielt ihr die Hand hin.
"Es war ein schöner Abend.", sagte er fast verlegen und sie strahlte ihn an.
Sie gingen Arm im Arm zurück zur Stadt und redeten über Gott und die Welt. Plötzlich blieb Sam stehen und sah sich aufmerksam um, als er leise Schritte hörte. Seine Nackenhaare stellten sich auf.
Irritiert sah Jamy zu Sam. "Was hast Du?"
"Ich habe etwas gehört."
"Was denn?", sagte sie, ein wenig beunruhigt, da seine Stimme so angespannt war..
"Schritte.", antwortete er knapp und stierte durch die Dunkelheit.
"Vielleicht war es nur ein Eichhörnchen. Bleib locker, Sam."
"Das war kein Eichhörnchen.", erwiederte er und er sollte Recht bekommen, als er eine Frau entdeckte.
Sie lehnte an der nächsten Hauswand und sah fast gelangweilt zu dem Paar herüber. Der Brünette erkannte die junge Frau, von den Bildern aus der WG. "Marlene?"
"Gut geraten. Zumindest fast.", schnarrte sie.
Sam schätzte sie in seinem Alter. Sie hatte rote Haare, trug Bikerboots, Jeans und ein ursprünglich grünes Hemd, dass mit roten Flecken übersät war. Blut.
Böses ahnend nahm Sam seine Begleiterin hinter seinem Rücken.
"Gott! Sam, sie ist verletzt!", hauchte Jamy hinter ihm erschrocken. Sie wollte hinter Sam hervor kommen, doch hielt er sie zurück.
"Nicht.", sagte er nur warnend und sah wieder zu Merlene.
Die Frau stieß sich von der Wand ab und schritt langsam auf die Beiden zu. Als sie in den Schein einer Straßenlaterne kam, sah Sam ihre Augen Schwarz aufflackern.
"Ein Dämon.", zischte Sam und trat mit Jamy weiter zurück.
"Sam? Was hast Du?", fragte Jamy ängstlich. Auch sie hatte die schwarzen Augen bemerkt, schob es aber auf die Lichtverhältnisse. Doch das Blut konnte sie nicht ignorieren. "Wir müssen ihr helfen!", flüsterte sie, langsam mehr Angst vor Sam bekommend, als vor der Frau. Was hatte er da gesagt? Ein Dämon?
"Schlaues Bürschchen, Sammy-Boy. Ja Du hast richtig gehört, Häschen...ich bin ein Dämon."
"Was willst Du?", knurrte Sam und griff nach seiner Waffe, die er im Hosenbund versteckt hatte und zielte auf die Rothaarige.
"Tzztzztzz, Sammy, Du wirst dieser schönen Hülle doch nichts tun? Ich glaube nicht, dass Merlene damit sonderlich zufrieden wäre, als schweizer Käse zu enden.", höhnte der Dämon und schritt näher auf das Paar zu.
"Sie ist doch schon Tod...", fing Sam an.
"Nein, ist sie nicht. Sie erlebt alles mit. Ich halte sie am Leben und solange ist ihr Geist noch hier drinnen.", erklärte es und tippte sich auf die Stirn.
"Son of a Bitch.", fluchte der Brünette und schob Jamy weiterhin weg.
Diese wich eher vor der Rothaarigen und Sam zurück, als sie den absurden Sinn ihrer Unterhaltung erkannte. Außerdem war es für sie nicht gerade vertrauenserweckend, dass Sam eine Waffe hatte.
"Ah ah, was für böse Ausdrücke. Ich glaube ich muss dir Manieren beibringen.", schnarrte Merlene und machte eine Bewegung mit dem Kopf.
Der Stoß den Jamy erhielt, ließ sie nach hinten fallen. Panisch rief sie nach Sam.
"JAMY!", schrie Sam und sprintete ihr hinterher, als sie von einer unsichtbaren Kraft, in den Wald gezogen wurde.
Jamy stoppte abrupt und wurde an einen Baum gepresst.
Sam wollte zu ihr, wurde aber von einer unglaublichen Kraft daran gehindert. Schmerzhaft prallte er auf dem Boden auf und verlor die Waffe aus der Hand.
"Oh ich werde es genießen, zuerst dich und deine kleine Freundin hier zu foltern und danach zu töten und dann werde ich mich mit deinem Bruder und seiner Kleinen vergnügen." Die Rothaarige schritt langsam und bedrohlich auf den jüngeren Winchester zu und bäugte sich zu ihm hinab. Fast zärtlich strich sie über seinem Arm.
Sam stöhnte auf, als ihre Hand den Arm aufritzte. Warmes Blut sickerte aus der Wunde. Er wollte aufstehen, doch sie hatte ihn auf den Boden festgenagelt. Er konnte sich nicht bewegen.
Genüsßlich leckte sie ihre Finger ab, die mit seinem Blut getränkt waren. "Mhm..Du schmeckst lecker.", murmelte sie und grinste ihn auf einmal böse an.
"Jetzt erst mal zu deiner Freundin. Freu dich, Sammy, es ist meine Premiere!", sagte sie euphorisch und hüpfte fast zu der jungen Frau, die wimmernd am Baumstamm lehnte.
Der Dämon holte mit der Hand aus und der Schrei Jamy´s schallte durch die Nacht.
"JAMY!!!!"


Dean schreckte auf. "Sammy?", fragte er ins Zimmer hinein, bekam aber keine Antwort. Er hätte schwören können, dass er Sams Stimme gehört hatte.
"Dean?"
"Es ist alles okay, Andy.", beruhigte er die Brünette, die dadurch gleich wieder in den Schlaf glitt.
Vorsichtig stand Dean auf und zog sich an. Er hatte ein ungutes Gefühl und wollte wenigstens sicher gehen, dass vor dem Motel alles in Ordnung war. Er nahm seine Smith&Wesson, öffnete die Tür und sah, mit gesenkter Waffe, auf den Parkplatz. Doch konnte er nichts erkennen.
Eine Eiseskälte kroch sein Rückrad hinauf und das ungute Gefühl, dass etwas mit seinem Bruder nicht in Ordnung war, verstärkte sich.
"Sam?"
Leise schloss er die Tür hinter sich und schritt zügig zur nächsten Straße. Sein Instinkt schickte ihn einfach in diese Richtung.
"Jamy? Jamy!" Das leise Flehen Sams drang an seine Ohren und sofort spannten sich alle Muskeln des Blonden an.
Von weiten konnte er die Umrisse von drei Personen ausmachen. Eine Frau, die schlaff an einen Baum lehnte, eine Rothaarige, die langsam auf die liegende Person zuschritt, die Dean als seinen Bruder erkannte.
"Sammy.", flüsterte Dean und schlich mit erhobener Waffe an die Drei heran. Im fahlen Licht einer Straßenlaterne konnte er nun alle genauer erkennen.
"Hey, wenn Sie Miststück meinen Bruder auch nur ein Haar krümmen, sind Sie tod, bevor Sie auf dem Boden aufschlagen!", bellte Dean.
Die Rothaarige drehte sich überrascht um und der ältere Winchester erkannte sofort Merlene.
"Ah, wen haben wir denn da? Dean Winchester, was für eine Ehre. Keine Angst Du kommst auch noch dran, Schätzchen.", lächelte Merlene.
"Dean! Sie ist der Dämon!", schrie Sam und sah immer wieder besorgt zu der leblosen Frau am Baum.
Dean schoss ohne zu zögern auf die Rothaarige, die ihn fassungslos ansah, bis sich ein teuflisches Grinsen auf ihr Gesicht zauberte. "Ich danke Dir, Winchester! Jetzt ist die Kleine tot und Du hast sie umgebracht.", flötete sie.
"Was meinst Du, Miststück?", schnauzte er zurück.
Ein schreckliches Lachen erfüllte die Nacht. "Merlene hatte noch gelebt, aber jetzt....nicht mehr." Wieder lachte die Rothaarige und Dean sah sie geschockt an.
Was hatte er getan?
"Oh oh oh. Deanyboy schäm dich. Jetzt hast Du die Freundin deines Flittchens getötet. Fein und jetzt ist dein Bruder drann und dann Du. Wir sehen uns Deanyboy.", schnarrte sie nur und eine schwarze Wolke drang aus ihrem Mund, der sich in der Dunkelheit verflüchtigte.
Jetzt stand die echte Merlene vor ihnen und fasste sich an die Brust, wo die Kugeln ihren Körper getroffen hatten. Sie sah geschockt zu Dean und brach ohne Vorwarnung zusammen.
Dean hechtete zu der Frau und hielt sie in seinen Armen. Sanft strich er der Verletzten eine Strähne aus dem Gesicht.
"Es tut mir leid. Es tut mir so leid.", flüsterte er und Tränen benetzten das Gesicht von Merlene.
Sie lächelte ihn an und strich ihm mit letzter Kraft über die Wange. "Es...es...ist okay. Danke.", hauchte sie und schloss für immer ihre Augen.
"Merlene?", fragte Dean brüchig, doch er bemerkte schnell, dass die Frau in seinen Armen gestorben war. Voll Schmerz sah er zu seinen Bruder, der Jamy sanft die Wange tätschelte, da sie bewusstlos am Baum runter gerutscht war.
"Jamy? Bitte nicht. Bitte wach auf. Tu mir das nicht an.", wimmerte Sam und tätschelte immer wieder die Wange der Schwarzhaarigen. Verzweifelt sah Sam zu seinem Bruder, der sich neben die Beiden gehockt hatte.
Zögernd suchte er nach dem Puls der jungen Frau.
Und fand einen!
"Sam, sie muss ins Krankenhaus. Schnell.", wies Dean aufgeregt an.
Dieser nickte und hob Jamy auf seine Arme. Bereit sie zum nächsten Krankenhaus zu bringen. Dann fiel sein Blick auf Merlene.
"Was ist mit ihr?"
Deans Gesicht war wie versteinert. "Ich rufe die Polizei und den Notarzt. Geh Du mit ihr zum Krankenhaus." Er legte Sam die Schlüssel von dem Impala in die Hand. "Nimm mein Auto. Na los.", drängte Dean und zückte schon sein Handy.
"Dean...Du konntest es nicht wissen."
"Nicht Sam und jetzt geh.", winkte der Blonde Sams Einwand ab. Der Jüngere nickte und lief schnell zum Impala.
Der ältere Winchester wartete bis sein Bruder losgefahren war und rief dann die Polizei und den Krankenwagen. Aufmerksam sah er sich um, ob irgendein neugieriger Nachbar, alles beobachtet hatte, doch das Glück schien auf der Seite der Brüder zu sein. Denn kein Mensch war zu sehen.
Es machte Dean misstrauisch, doch die junge Frau am Boden lenkte ihn davon ab.
Er setzte sich neben sie und hielt ihre kalt gewordene Hand. Die Schuld nagte an ihm und ließ sein Herz schmerzhaft Pochen.

"Dean? Bist Du hier?", fragte Andy und schaltete das Nachtischlichtes ein. Niemand war in dem Dreibett-Zimmer zu sehen. Ein Rumpeln aus der Richtung der Motelzimmertür ließ sie zusammenzucken.
"Sam? Dean? Seid ihr das?", rief sie, doch sie bekam nur das Rumpeln als Antwort. Sie stand auf, zog sich ein Shirt von Dean an und ging auf die Tür zu.
Vorsichtig linste sie aus dem Fenster, neben der Tür, konnte aber niemanden entdecken. Verwundert öffnete sie die Tür und übertrat die Salzschwelle, um nachzusehen, ob doch noch jemand da war.
Sie erschrak als sie die schwarze Wolke vor sich sah. Doch noch bevor sie zurück ins Zimmer gehen konnte, drang die Wolke ihr in Mund und Nase.
Das Gesicht der Brünette wirkte kurz ausdrucksleer, doch dann kräuselten sich ihre Lippen zu einem gemeinen Lächeln.
"So Schätzchen. Jetzt spielen wir.", sagte sie eisig und schritt in die Dunkelheit des Parkplatzes.

 

 

Kapitel 12